Der zarte Hirtenjunge Peter, den alle ärgern, bekommt am Johannistag durch ein Wunder riesige Kräfte. Eine slowenische Volkssage aus dem Tal der Kolpa, aus dem Slowenischen übersetzt, über einen Helden, der zugleich stark und gut war.
Slowenische Volkssage · 9 Min. · gelesen von Marie
Peter Klepec: der Text zum Lesen und Vorlesen
Slowenische Volkssage, frei nacherzählt.
Am Fluss Kolpa, wo die steilen, bewaldeten Hänge zum grünen Wasser hinabfallen, liegt das Dorf Osilnica. Dort lebte einst eine arme Mutter mit ihrem Sohn Peter. Die beiden hatten nur eine kleine Hütte am Waldrand, ohne Acker und ohne Kuh. Die Mutter ging bei den Nachbarn arbeiten, und Peter diente als Hirte bei einem reichen Bauern.
Peter war ein zarter, magerer Junge mit dünnen Armen und einem blassen Gesicht. Er war fleißig und freundlich, aber so schwach, dass ihn ein kräftiger Wind beinahe fortgeweht hätte. Die anderen Hirtenjungen waren größer und stärker als er. Weil er der Kleinste war, neckten und ärgerten sie ihn, wo sie nur konnten. Er musste ihr Vieh hüten, während sie im Schatten lagen. Er musste ihnen Wasser vom Bach holen. Wenn er nicht flink genug war, schubsten sie ihn herum und warfen ihn in die Brennnesseln.
Peter wehrte sich nie. Er wusste, dass sonst alle zusammen über ihn herfallen würden. Nur wenn er allein war, setzte er sich unter den alten Mostbirnbaum und weinte leise. „Wenn ich doch nur ein bisschen stärker wäre“, seufzte er, „nur so viel, dass sie mich in Ruhe lassen.“
So kam der Johannistag, der längste Tag des Jahres. An diesem Tag ließen die Hirtenjungen nach altem Brauch die Ochsen auf der Weide aufeinander los, damit sie ihre Kräfte maßen und sich zeigte, welcher der stärkste war. Die Hirtenjungen jubelten und wetteten, Peter aber schubsten sie wieder herum und lachten ihn aus. Peter entwischte ihnen und ging an den Rand der Weide. Dort stand sein Ochse, groß und ruhig, mit einem weißen Fleck auf der Stirn. Peter schlang die Arme um seinen Hals und klagte ihm all seinen Kummer.
Und siehe da, der Ochse drehte den Kopf und sprach mit menschlicher Stimme: „Weine nicht, Peter. Hilf du mir, dann helfe ich dir. Geh zum Haselstrauch und schneide eine Rute ab, die in diesem Jahr gewachsen ist. Wenn der stärkste Ochse aus dem Dorf auf mich losgeht, der stärker ist als ich, dann schlag ihn mit dieser Rute. So hilfst du mir zu siegen, und dich selbst machst du so stark, dass dich niemand mehr besiegen kann.“
Peter tat genau, was der Ochse ihm gesagt hatte. Er schnitt eine junge, grüne Haselrute ab und wartete. Bald kam der größte Ochse des Dorfes über die Weide gestürmt, schwarz und mächtig, die Hörner tief gesenkt. Peter trat näher und zog ihm mit der Rute leicht über den Rücken. Im selben Augenblick blieb der schwarze Ochse stehen, als hätte ihn alle Kraft verlassen. Peters Ochse stemmte sich mit den Hörnern gegen ihn und schob ihn über die ganze Weide. Die Hirtenjungen standen mit offenem Mund da.
Peter aber spürte, wie ihm etwas Warmes und Starkes durch Arme und Beine strömte, als flösse ein Gebirgsbach durch seine Adern. Er ging zum alten Mostbirnbaum, umfasste ihn mit beiden Armen und zog sachte daran. Der Baum löste sich mitsamt allen Wurzeln aus der Erde, als wäre er ein Grashalm. Peter hielt ihn verwundert in den Händen, dann setzte er ihn vorsichtig zurück in die Grube und trat die Erde rund um den Stamm schön fest.
Da kamen die Hirtenjungen angelaufen. „Was lungerst du hier herum, wo du doch das Vieh hüten solltest?“, schrien sie und stürmten auf ihn los, um ihn wie immer zu verprügeln. Peter aber packte einen mit der rechten Hand, den anderen mit der linken, hob beide hoch in die Luft und schüttelte sie ein wenig, so wie man Birnen vom Baum schüttelt. Dann stellte er sie ganz vorsichtig wieder auf den Boden. Die Hirtenjungen wurden blass, sahen einander an und liefen ohne ein Wort davon. Von diesem Tag an wagte es niemand mehr, Peter auch nur mit dem kleinen Finger anzurühren.
Peter aber benutzte seine Kraft nicht zum Streiten. Daheim riss er rund um die Hütte Sträucher und Baumstümpfe aus, rodete den Wald und legte einen schönen Acker an, der ihm und seiner Mutter von nun an Brot gab. Den Leuten im Dorf half er, wo er nur konnte. Wer mit seinem Wagen im Schlamm stecken blieb, dem zog Peter ihn mit einer Hand heraus. Wer einen Balken für sein Dach brauchte, dem trug Peter ihn auf der Schulter aus dem Wald herbei. Bald sprach man im ganzen Land vom starken Peter Klepec.
Die Kunde von ihm drang sogar bis zum Kaiser nach Wien. Der Kaiser ließ ihn zu sich rufen. „Ich höre so viel von deiner Kraft“, sagte er, „dass ich sie gern mit eigenen Augen sehen möchte.“ Peter trat auf die Straße hinaus, wo schwer beladene Wagen hintereinander standen. Er packte einen nach dem anderen und drehte ihn um, bis alle dorthin zeigten, woher sie gekommen waren. „Jetzt wissen die Fuhrleute aber nicht mehr, wohin sie fahren sollen“, sagte der Kaiser lächelnd. „Dreh sie wieder zurück.“ Und Peter drehte sie zurück, als wären es leere Schubkarren.
Dann bat Peter, man möge ihm zwölf Hufeisen bringen. Er nahm sie alle auf einmal in die Hände und bog sie gerade, als wären sie aus weichem Draht. Die Hofleute konnten nur staunen. Der Kaiser aber wurde ernst. „Peter“, sagte er, „an der Grenze unseres Landes steht ein türkischer Riese, so schwer wie neun Ochsen. Jeden Tag fordert er unsere Leute zum Zweikampf heraus. Wir haben vereinbart, dass dieser Zweikampf entscheidet, wem das Land gehören soll. Traust du dich, gegen ihn anzutreten?“ „Ich traue mich“, antwortete Peter ruhig.
Am Tag des Zweikampfs kamen beide Kaiser auf eine weite Wiese an der Grenze, jeder mit seinem Helden. Vor dem Kampf brachte man den beiden Helden zu essen. Der Riese verlangte neun Laibe Brot und zwölf Krüge Wein. Peter aber bat nur um einen halben Laib Brot und eine Tasse Milch. Während des Essens schaute der Riese verächtlich auf den zierlichen Peter und lachte ihn dröhnend aus: „Was soll denn das für ein Held sein? Der reicht ja kaum für einen Bissen!“
Dann begann der Kampf. Die beiden Helden packten einander an den Schultern. Der Riese drückte und drückte, doch Peter rührte sich nicht um Haaresbreite. Dann schüttelte Peter den Riesen ein einziges Mal, so kräftig, dass der ganze Wein in ihm rauschte wie die Kolpa bei Hochwasser und ihm die Knie einknickten. Peter hob ihn hoch über den Kopf, trug ihn zum Fluss und setzte ihn mit einem großen Platsch ins Wasser. Der Riese saß bis zum Gürtel im Fluss, nass und beschämt, und wusste nicht, wie ihm geschehen war.
Als der türkische Kaiser das sah, wurde er ganz blass und befahl seinem Heer, sich zurückzuziehen. Die Soldaten aber zögerten noch. Da riss Peter eine hohe Fichte aus und schwang sie, als würde er mit einem Besen fegen. Die Soldaten stoben in alle Richtungen davon, und Peter jagte sie weit, weit fort, bis nach Belgrad an der Donau. Hinter ihnen warf er schwere Balken und Baumstämme auf den Weg, sodass ihnen der Rückweg versperrt war. Seitdem hatten die Leute an der Kolpa lange Zeit Frieden.
Der Kaiser war Peter sehr dankbar. „Wünsch dir, was du willst“, sagte er zu ihm. Peter dachte an seine Mutter und an das Dorf an der Kolpa. „Ich möchte frei in den Wäldern jagen dürfen“, sagte er, „und meine Leute und ich sollen keine Steuern zahlen müssen.“ Der Kaiser erfüllte ihm beide Wünsche und gab ihm noch viele andere Geschenke.
Peter Klepec kehrte heim zu seiner Mutter. Er baute sich ein neues Holzhaus aus so dicken Balken, dass für jede Wand nur drei genügten, einer auf den anderen gelegt. Die Stämme trug er selbst auf dem Rücken vom Berg herunter. Man erzählt, dass dieses Haus noch lange an der Kolpa stand und dass die Leute von weit her kamen, um es anzusehen.
Peter aber blieb, wie er immer gewesen war: still, freundlich und bescheiden. Nie benutzte er seine Kraft, um jemandem Unrecht zu tun. Wenn aber jemand Hilfe brauchte, war Peter Klepec der Erste, der kam. Und wenn die kleinen Hirtenjungen auf der Weide den Kleinsten unter ihnen neckten, sagten die alten Leute zu ihnen: „Passt nur auf! Wer weiß, vielleicht ist gerade er der neue Peter Klepec.“





