Die Kaiserin schaut auf einem Waldpfad nachdenklich einen kleinen Igel an, der ihr über den Weg kriecht Der Igel reitet auf einem großen Hahn und treibt mit einem Zweiglein sechs magere Schweine in den Wald Der Igel zeigt unter einer Eiche dem verirrten König den Weg, auf seinen Stacheln trägt er den unterschriebenen Brief Eine große Herde wohlgenährter Schweine wälzt sich in den Schlosshof, dahinter reitet stolz der Igel auf dem Hahn Der Hahn flattert mit dem Igel zum Fenster herein, und dem König fällt vor Schreck der Löffel aus der Hand Aus der Igelhaut steigt ein wunderschöner junger Mann in Seide und Gold und küsst der jüngsten Königstochter die Hand

Der Igelsohn

Der Wunsch der Kaiserin · gelesen von Marie
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Ein Kaisersohn, so klein und stachelig wie ein Igel, reitet auf einem Hahn mit sechs mageren Schweinen in den Wald, und dort wartet mehr Glück auf ihn, als irgendjemand gedacht hätte. Ein slowenisches Märchen, wie Fran Milčinski es erzählt hat, aus dem slowenischen Original übersetzt.

Fran Milčinski · 13 Min. · gelesen von Marie

Der Igelsohn: der Text zum Lesen und Vorlesen

Fran Milčinski (1917). Aus dem slowenischen Original „Sin jež“ übersetzt.

Es lebten einmal ein Kaiser und eine Kaiserin, die hatten viel Land und Gut, aber niemanden, dem sie ihren Reichtum hinterlassen konnten: Gott wusste schon, warum er ihnen keine Kinder schenkte. Doch je älter sie wurden, desto mehr sehnten sie sich nach einem Kind.

Eines Tages ging die Kaiserin im Wald spazieren. In Gedanken versunken streifte sie mit ihren weißen Fingern die grünen Blättchen von den Haselsträuchern am Weg und streute sie auf den Boden, da kroch ihr ein kleiner Igel über den glatten Pfad. Die Kaiserin erblickte ihn und blieb stehen, und aus tiefstem Herzen entfuhr ihr ein Seufzer: „Ach, bekäme ich doch einen Sohn, er bräuchte nicht größer zu sein als dieser Igel!“ Wie sie es sich gewünscht hatte, so geschah es: Dem Kaiser und der Kaiserin wurde ein Sohn geboren, der war so groß wie ein Igel und am ganzen kleinen Körper voller Stacheln.

Jetzt, da sie ihn hatten, freuten sich der Kaiser und die Kaiserin nicht mehr über ihn. Sie schämten sich und versteckten ihn vor der Welt, und als er vierzehn Jahre alt war, besprachen sie sich und riefen ihn zu sich. Sie sagten zu ihm: „Lange genug haben wir dich aufgezogen und angeschaut, aber in unser glänzendes Kaiserhaus passt du nicht und wirst du niemals passen. Geh mit Gott in den Wald, dort gehörst du hin! Nimm mit, was du willst, aber komm nicht eher als in sieben Jahren zu uns zurück!“ Sie dachten, im Wald werde ihn schon etwas fressen, ein Wolf oder ein Fuchs oder ein anderes wildes Tier.

Der Igelsohn sagte nichts und suchte sich auch nichts anderes zum Mitnehmen aus als sechs magere Schweine und einen großen Hahn. Auf dem Hahn ritt er, die Schweine trieb er mit einem Zweiglein vor sich her, und so zogen sie in den Wald. Der Wald war barmherziger als die eigenen Eltern: Freundlich nahm er den Igel auf. Er gab ihm sicheren Schutz und versorgte ihn mit Nahrung, und auch den sechs mageren Schweinen und dem Hahn fehlte es an nichts. Und die mageren Schweine wurden bald fett und immer fetter und vermehrten sich Jahr für Jahr, bis ihr kleiner Herr bald nicht mehr wusste, wie viele es waren.

Da geschah es, dass der König aus dem Nachbarland durch den Wald kam. Er war allein auf der Jagd, hatte den Pfad verloren und wusste weder vor noch zurück. Er kletterte auf einen Baum und schaute nach allen vier Seiten, in alle Richtungen: So weit sein Auge reichte, nichts als Wald, nirgends ein Haus, nirgends ein bestelltes Feld. Er stieg wieder vom Baum herunter. Die Sonne sank, die Nacht brach herein, ein Wolf heulte, und der König bekam Angst um sein Leben. Da erblickte er eine Herde Schweine. Er schaute sich nach dem Hirten um, doch da war kein Hirte. So rief er: „Die Schweine sind hier, wo bist du, Schweinehirt, dass du mir den Weg zeigst?“

Er rief ein zweites Mal, er bat ein drittes Mal, da meldete sich unter einer Eiche ein dünnes Stimmchen: „Ich trau mich nicht. Du würdest mich erschlagen, weil ich so klein bin.“ Der König aber sprach: „Hab nur keine Angst! Ich tue dir nichts zuleide. Ich gebe dir sogar ein halbes Königreich, wenn du mich aus dem Wald rettest, und meine eigene Tochter zur Frau, komm nur und zeig mir den Weg!“ Da lugte der Igel unter der Eiche hervor und sagte: „So, so, wenn du mir wirklich deine Tochter versprichst, dann gib mir auch noch deine Unterschrift, damit du dein Versprechen nicht vergisst!“ Was sollte der König tun? Er unterschrieb; den Brief steckte er dem Igel oben auf dem Rücken auf einen Stachel, und der Igel führte ihn glücklich aus dem Wald hinaus.

So vergingen sieben Jahre und vom achten noch die Hälfte. Der Kaiser und die Kaiserin erwarteten ihren Sohn längst nicht mehr; sie dachten, wer weiß, wo seine weißen Knöchlein vermodern. Eines Tages lehnten sie im Turmfenster und schauten über Feld und Flur, da sahen sie, wie sich weit hinten auf der Straße eine Staubwolke heranwälzte. Sie rätselten, was das wohl bedeute, die Wolke aber kam näher und näher und wurde größer und größer, und jetzt erkannten sie es: Die ganze Straße war voller wohlgenährter Schweine. Sie staunten und sagten zueinander: „Wer ist nur dieser reiche Händler, und woher kommt er, dass er so viele und so schöne Tiere hat, und wohin treibt er sie?“

Die Herde kam zum Schloss, und sieh nur, sie bog von der Straße ab, über die Schlossbrücke in den Schlosshof. Der Kaiser wunderte sich: „Wollen die etwa bei uns übernachten?“ Die Kaiserin aber sagte: „Alles ist schwarz vor lauter Schweinen, und es kommen immer noch mehr, und kein Ende ist in Sicht.“ Erst gegen Abend riss die lange Reihe ab. Hinter der Herde aber schritt würdevoll ein Hahn, und auf dem Hahn saß ein Igel und schwang ein Zweiglein. Die Kaiserin rief: „Das ist unser Sohn.“ Der Kaiser aber sagte: „Schön ist er nicht, aber reich! Vielleicht schenkt er uns etwas.“

Sie eilten die Treppe hinunter. Sie brachen in Tränen aus und begrüßten ihren Sohn, baten ihn ins Haus, und jeder wollte es besser machen als der andere, so eifrig liefen sie um ihn herum und bedienten ihn. Der Igelsohn war gerührt und froh; er glaubte, das Herz seiner Eltern habe sich gewandelt. „Hier“, sagte er, „alles, was ich hergetrieben habe, gehört euch!“ Es waren aber so viele Tiere, dass sie alle Ställe, Scheunen und Keller füllten, und die Hälfte stand noch im Hof. Da trieb man sie gleich ins Schloss hinein, weil der Kaiser fürchtete, jemand könnte sie stehlen, und zuletzt machten ihnen sogar der Kaiser und die Kaiserin Platz und legten sich auf dem Heuboden schlafen, nur damit alle Schweine unter ein Dach kamen. Der Igelsohn aber verkroch sich unter dem Herd.

In der Nacht konnten der Kaiser und die Kaiserin vor lauter Reichtum nicht schlafen, und so grübelten sie und berieten sich die ganze lange Nacht. Am nächsten Morgen sagte der Kaiser zum Igelsohn: „Wir haben gesehen und freuen uns, dass du bei guter Gesundheit bist. Wahrhaftig, im Wald ist es dir besser ergangen als uns im Schloss. Darum geh zurück, woher du gekommen bist! Und nimm sechs Ziegen mit; und wenn Gott dir so viel Glück schenkt wie mit den Schweinen, sehen wir uns in sieben Jahren wieder.“

Dem Igelsohn wurde ganz anders zumute. Er dachte bei sich: „Die Schweine behalten sie, und mich jagen sie fort!“ Und er antwortete: „Meine allerliebsten Eltern, tut das nicht, in den Wald will ich nicht zurück!“ Der Vater wurde zornig: „Was willst du denn, und was soll mit dir werden?“ Der Igelsohn sagte: „Ich bin alt genug, ich möchte heiraten.“ Der Vater lachte, die Mutter seufzte: „Mein lieber Sohn, welche Frau auf der ganzen weiten Welt soll dich denn wollen, wo wir zwei dich doch selbst kaum anschauen können.“ Der Igelsohn sah Mutter und Vater ganz sanft und traurig an; still drehte er sich um, holte seinen Hahn, schmückte ihn mit bunten Bändern, setzte sich darauf und ritt ohne Abschied davon.

Er ritt und ritt, bis er vor das mächtige Schloss des Nachbarkönigs kam, jenes Königs, den er aus dem Wald gerettet hatte. Dieser König hatte drei Töchter, eine schöner als die andere: eine duftende Lilie, eine rote Mohnblume und eine Buchweizenblüte. Sie saßen oben im Saal bei einer kleinen Mahlzeit, hatten die Fenster offen und lachten fröhlich. Da schaute der König aus dem Fenster und sah einen Hahn, geschmückt wie für eine Hochzeit, und auf dem Hahn saß ein Igel. Er erinnerte sich an sein Versprechen im Wald und wurde blass. Schnell rief er den Wächter: „Holla, Wächter, zieh die Brücke hoch, schließ das Tor, lass niemanden ins Schloss!“

Der Igelsohn aber kümmerte sich nicht um das Tor. Er befahl es dem Hahn, und der Hahn gehorchte: Er erhob sich in die Luft und flatterte zum Fenster hinein, stellte sich breitbeinig auf das Fensterbrett, reckte den Hals, grüßte mit einem „Kikeriki“ und verneigte sich tief. Der König erschrak so sehr, dass ihm der Löffel aus der Hand fiel und der Pantoffel vom Fuß; die Töchter erstarrten. Der Igel aber ließ sich vom Fenster auf den Boden hinunter, trippelte vor den König und hielt ihm den Brief hin: „Als der Wolf heulte und ich dich aus dem Wald rettete, hast du mir versprochen und es unterschrieben, dass du mir ein halbes Königreich gibst und deine eigene Tochter zur Frau. Ich bin gekommen, damit du dein Versprechen hältst.“

Der König dachte bei sich: „Versprechen und dann auch noch geben, das ist zu viel.“ Seine Unterschrift aber konnte er doch nicht ableugnen, und so sagte er: „Wenn eine von meinen Töchtern dich mag, ich verbiete es ihr nicht.“ Die Älteste, die duftende Lilie, brach in lautes Lachen aus und sagte: „Lieber stoße ich mir ein Messer ins Herz, als dass ich so einen nehme.“ Die Mittlere, die rote Mohnblume, wirbelte herum und lachte laut und hämisch: „Lieber einen Stein um den Hals und platsch ins Wasser, wo es am tiefsten ist, als dich zum Mann.“ Der Igelsohn sah und hörte, wie die Königstöchter ihn verspotteten, aber er sagte nichts, nur schämte er sich für die Tränen, die ihm in die Augen stiegen.

Die jüngste Königstochter aber war schön und lieblich wie die Buchweizenblüte und hatte ein gutes Herz. Sie liebte ihren Vater, umarmte ihn und sagte: „Lieber nehme ich den Igel, als dass du, mein lieber Vater, im Wald umgekommen wärst.“ Und dann blickte sie auch den Igel an und sah den Tau in seinen Augen; er tat ihr leid, sanft hob sie ihn vom Boden auf und küsste ihn, der ihr den Vater gerettet hatte, als der Wolf heulte. Doch als sie ihn küsste, stachen ihr die spitzen Stacheln in die roten Lippen, und Tropfen ihres warmen Blutes fielen auf die Haut des Igels.

Kaum aber hatte ihr warmes Blut seine Haut berührt, da platzte die Haut auf, und heraus schälte sich ein wunderschöner junger Mann, in Seide und Gold gekleidet. Er küsste der Jüngsten die Hand und sagte: „Hab Dank, liebste Braut: Mit deiner sanften Liebe, mit deinem roten Blut hast du mich erlöst.“ Über einen solchen Schwiegersohn freute sich jetzt auch der König. Er ließ sechs weiße Pferde vor eine goldene Kutsche spannen, und das junge Paar fuhr zu den Eltern des Igels.

Als die beiden dort ankamen, verneigten sich der Kaiser und die Kaiserin bis zum Boden vor ihnen; der Kaiser selbst öffnete die Tür der Kutsche und seufzte tief: „Warum habe ich nicht so einen Sohn! Sofort würde ich ihm mein Kaiserreich übergeben!“ Der schöne junge Mann aber lachte fröhlich: „Ich bin doch euer Sohn!“, und zeigte die Igelhaut.

Und dann heirateten der Kaisersohn und die jüngste Königstochter, und es gab eine Hochzeit, wie die Welt noch keine gesehen hatte. Zur Hochzeit war auch ich eingeladen; ich saß ganz vorn am hintersten Ende des Tisches, trank aus einem bunten Krug goldgelben Wein und aß ein halbes Schwein, ein halbes Kalb und einen halben Ochsen. Wir tanzten zu Trompete und Bassgeige, und das ganze Kaiserreich und Königreich war kreuzfidel. Nur die Schwestern der jungen Kaiserin ließen sich nicht blicken, so sehr wurmte es sie, dass sie den schönen Bräutigam abgewiesen hatten.