Der Kaiser betrachtet sich stolz im Spiegel, und um ihn herum hängen lange Reihen bunter Gewänder Die beiden Betrüger tun im Saal so, als webten sie an leeren Webstühlen, und daneben glänzen Säcke voll Gold Der alte Minister mit Brille reißt vor den leeren Webstühlen die Augen weit auf Der Kaiser und seine Höflinge nicken den leeren Webstühlen zufrieden zu, obwohl keiner etwas sieht Die Betrüger tun so, als zögen sie dem Kaiser vor dem großen Spiegel die neuen Kleider an Ein kleines Kind auf den Schultern seines Vaters zeigt auf den Kaiser im Festzug, und die Leute schauen sich erstaunt um

Des Kaisers neue Kleider

Der Kaiser in der Kleiderkammer · gelesen von Marie
0:00−11:06

Zwei listige Weber versprechen dem Kaiser einen Wunderstoff, den dumme Leute nicht sehen können. Andersens verschmitztes Märchen darüber, wie schwer es ist, auszusprechen, was keiner hören will, übersetzt aus dem dänischen Original.

Hans Christian Andersen · 11 Min. · gelesen von Marie

Des Kaisers neue Kleider: der Text zum Lesen und Vorlesen

Hans Christian Andersen (1837). Aus dem dänischen Original „Keiserens nye Klæder“ übersetzt.

Vor vielen Jahren lebte ein Kaiser, der so ungeheuer gern schöne neue Kleider hatte, dass er all sein Geld dafür ausgab, recht fein herausgeputzt zu sein. Er kümmerte sich nicht um seine Soldaten, er machte sich nichts aus dem Theater oder aus Ausfahrten in den Wald, außer wenn er dabei seine neuen Kleider zeigen konnte. Für jede Stunde des Tages hatte er ein anderes Gewand. Und so, wie man von einem König sagt, er sitze im Rat, so sagte man hier immer: „Der Kaiser ist in der Kleiderkammer!“

In der großen Stadt, in der er wohnte, ging es sehr fröhlich zu, und jeden Tag kamen viele Fremde. Eines Tages kamen zwei Betrüger. Sie gaben sich für Weber aus und erzählten, sie könnten den herrlichsten Stoff weben, den man sich nur denken kann. Nicht nur die Farben und das Muster seien ungewöhnlich schön, sondern die Kleider, die aus diesem Stoff genäht würden, hätten auch die wunderbare Eigenschaft, dass sie für jeden Menschen unsichtbar seien, der nicht zu seinem Amt tauge oder unverzeihlich dumm sei.

„Das wären ja herrliche Kleider!“, dachte der Kaiser. „Wenn ich sie trage, könnte ich herausfinden, welche Männer in meinem Reich nicht zu dem Amt taugen, das sie haben. Ich könnte die Klugen von den Dummen unterscheiden! Ja, dieser Stoff muss sofort für mich gewebt werden!“ Und er gab den beiden Betrügern viel Geld im Voraus, damit sie mit ihrer Arbeit beginnen konnten.

Sie stellten auch zwei Webstühle auf und taten so, als ob sie arbeiteten, aber sie hatten nicht das Geringste auf dem Webstuhl. Ohne Zögern verlangten sie die feinste Seide und das prächtigste Gold. Das steckten sie in ihren eigenen Beutel und arbeiteten an den leeren Webstühlen, und zwar bis spät in die Nacht.

„Jetzt möchte ich aber doch gern wissen, wie weit sie mit dem Stoff sind!“, dachte der Kaiser. Aber bei dem Gedanken, dass einer, der dumm war oder schlecht zu seinem Amt passte, den Stoff nicht sehen konnte, wurde ihm doch ein bisschen seltsam ums Herz. Zwar glaubte er, dass er für sich selbst nichts zu befürchten brauchte, aber er wollte trotzdem zuerst jemand anderen hinschicken, um nachzusehen, wie die Sache stand. Alle Leute in der ganzen Stadt wussten, was für eine wunderbare Kraft der Stoff hatte, und alle waren begierig zu sehen, wie untüchtig oder dumm ihr Nachbar war.

„Ich will meinen alten, ehrlichen Minister zu den Webern schicken!“, dachte der Kaiser. „Er kann am besten sehen, wie der Stoff aussieht, denn er hat Verstand, und keiner versieht sein Amt besser als er!“ Und nun ging der gute alte Minister in den Saal, wo die beiden Betrüger saßen und an den leeren Webstühlen arbeiteten. „Gott behüte!“, dachte der alte Minister und riss die Augen weit auf. „Ich kann ja gar nichts sehen!“ Aber das sagte er nicht.

Die beiden Betrüger baten ihn, doch bitte näher zu treten, und fragten, ob das nicht ein schönes Muster sei und ob das nicht herrliche Farben seien. Dabei zeigten sie auf den leeren Webstuhl, und der arme alte Minister riss die Augen immer weiter auf, aber er konnte nichts sehen, denn es war ja nichts da. „Du lieber Gott!“, dachte er. „Sollte ich etwa dumm sein? Das hätte ich nie gedacht, und das darf kein Mensch erfahren! Sollte ich nicht zu meinem Amt taugen? Nein, ich darf auf keinen Fall erzählen, dass ich den Stoff nicht sehen kann!“

„Nun, Sie sagen ja gar nichts dazu!“, sagte der eine, der gerade webte. „Oh, es ist reizend! Ganz allerliebst!“, sagte der alte Minister und sah durch seine Brille. „Dieses Muster und diese Farben! Ja, ich werde dem Kaiser sagen, dass es mir ganz besonders gut gefällt!“ „Nun, das freut uns!“, sagten die beiden Weber, und dann nannten sie die Farben und das seltsame Muster beim Namen. Der alte Minister hörte gut zu, damit er dasselbe sagen konnte, wenn er wieder zum Kaiser kam, und das tat er auch.

Nun verlangten die Betrüger mehr Geld, mehr Seide und mehr Gold, das brauchten sie angeblich zum Weben. Sie steckten alles in ihre eigenen Taschen, auf den Webstuhl kam nicht ein einziges Fädchen, aber sie webten weiter wie zuvor an dem leeren Webstuhl.

Bald schickte der Kaiser wieder einen anderen ehrlichen Beamten hin, um nachzusehen, wie es mit dem Weben vorangehe und ob der Stoff bald fertig sei. Ihm ging es genauso wie dem ersten. Er schaute und schaute, aber weil dort nichts war als die leeren Webstühle, konnte er nichts sehen. „Na, ist das nicht ein schönes Stück Stoff?“, sagten die beiden Betrüger und zeigten und erklärten ihm das herrliche Muster, das es gar nicht gab.

„Dumm bin ich nicht!“, dachte der Mann. „Dann ist es also mein gutes Amt, zu dem ich nicht tauge? Das ist ja merkwürdig! Aber das darf man sich nicht anmerken lassen!“ Und so lobte er den Stoff, den er nicht sah, und versicherte ihnen, wie sehr er sich über die schönen Farben und das herrliche Muster freue. „Ja, es ist ganz allerliebst!“, sagte er zum Kaiser. Alle Leute in der Stadt sprachen von dem prächtigen Stoff.

Nun wollte der Kaiser ihn selbst sehen, solange er noch auf dem Webstuhl war. Mit einer ganzen Schar auserlesener Männer, unter denen auch die beiden alten, ehrlichen Beamten waren, die schon vorher dort gewesen waren, ging er zu den beiden listigen Betrügern. Die webten jetzt aus Leibeskräften, aber ohne Faser und ohne Faden. „Ja, ist das nicht prachtvoll?“, sagten die beiden ehrlichen Beamten. „Schauen Sie nur, Majestät, was für ein Muster, was für Farben!“ Und dann zeigten sie auf den leeren Webstuhl, denn sie glaubten, die anderen könnten den Stoff bestimmt sehen.

„Was ist denn das?“, dachte der Kaiser. „Ich sehe ja gar nichts! Das ist ja furchtbar! Bin ich dumm? Tauge ich nicht dazu, Kaiser zu sein? Das wäre das Schrecklichste, was mir passieren könnte!“ „Oh, es ist sehr schön!“, sagte der Kaiser. „Es findet meinen allerhöchsten Beifall!“ Und er nickte zufrieden und betrachtete den leeren Webstuhl, denn er wollte nicht sagen, dass er nichts sehen konnte.

Das ganze Gefolge, das er bei sich hatte, schaute und schaute, aber keiner sah mehr als alle anderen. Doch alle sagten genau wie der Kaiser: „Oh, es ist sehr schön!“ Und sie rieten ihm, diese neuen, prächtigen Kleider zum ersten Mal bei dem großen Festzug zu tragen, der bald stattfinden sollte. „Prachtvoll! Reizend! Ausgezeichnet!“, ging es von Mund zu Mund, und alle waren so von Herzen zufrieden damit. Der Kaiser gab jedem der Betrüger ein Ritterkreuz für das Knopfloch und den Titel Hofweber.

Die ganze Nacht vor dem Vormittag, an dem der Festzug sein sollte, blieben die Betrüger auf und hatten mehr als sechzehn Kerzen angezündet. Die Leute konnten sehen, wie eifrig sie damit beschäftigt waren, die neuen Kleider des Kaisers fertig zu machen. Sie taten so, als nähmen sie den Stoff vom Webstuhl, sie schnitten mit großen Scheren in die Luft, sie nähten mit Nähnadeln ohne Faden und sagten zuletzt: „Seht, nun sind die Kleider fertig!“

Der Kaiser kam mit seinen vornehmsten Höflingen selbst dorthin, und die beiden Betrüger hoben jeder einen Arm in die Höhe, als ob sie etwas hielten, und sagten: „Seht, hier sind die Hosen! Hier ist das Gewand! Hier der Mantel!“ Und so weiter. „Es ist so leicht wie Spinnweben! Man könnte meinen, man hätte gar nichts am Leib, aber gerade das ist ja das Gute daran!“ „Ja!“, sagten alle Höflinge, aber sie konnten nichts sehen, denn es war nichts da.

„Wenn Eure kaiserliche Majestät nun allergnädigst Ihre Kleider ablegen wollten“, sagten die Betrüger, „dann ziehen wir Ihnen die neuen an, hier drüben vor dem großen Spiegel!“ Der Kaiser legte alle seine Kleider ab, und die Betrüger taten so, als reichten sie ihm jedes Stück der neuen Kleider, die sie angeblich genäht hatten, und der Kaiser drehte und wendete sich vor dem Spiegel.

„Ach, wie gut sie Ihnen stehen! Wie herrlich sie sitzen!“, sagten alle miteinander. „Was für ein Muster! Was für Farben! Das sind kostbare Kleider!“ „Draußen stehen sie schon mit dem Thronhimmel, der im Festzug über Eurer Majestät getragen werden soll!“, sagte der Oberzeremonienmeister. „Ja, ich bin ja bereit!“, sagte der Kaiser. „Sitzt es nicht gut?“ Und dann drehte er sich noch einmal vor dem Spiegel, denn es sollte ja so aussehen, als ob er seine Pracht so richtig betrachtete.

Die Kammerherren, die die Schleppe tragen sollten, tasteten mit den Händen über den Fußboden, als ob sie die Schleppe aufhöben. Dann schritten sie los und hielten sie in der Luft, denn sie wagten nicht, sich anmerken zu lassen, dass sie nichts sehen konnten.

So ging der Kaiser im Festzug unter dem schönen Thronhimmel, und alle Leute auf der Straße und in den Fenstern sagten: „Nein, wie unvergleichlich sind die neuen Kleider des Kaisers! Was für eine herrliche Schleppe er an seinem Gewand hat! Wie wunderbar es sitzt!“ Niemand wollte sich anmerken lassen, dass er nichts sah, denn dann hätte er ja nicht zu seinem Amt getaugt oder wäre sehr dumm gewesen. Noch nie hatten Kleider des Kaisers so großen Erfolg gehabt.

„Aber er hat ja gar nichts an!“, sagte ein kleines Kind. „Du lieber Gott, hört doch die Stimme des unschuldigen Kindes!“, sagte der Vater. Und einer flüsterte dem anderen zu, was das Kind gesagt hatte. „Aber er hat ja gar nichts an!“, rief zuletzt das ganze Volk. Den Kaiser durchlief ein Schauer, denn ihm schien, sie hätten recht. Aber er dachte bei sich: „Jetzt muss ich den Festzug bis zum Ende durchhalten.“ Und die Kammerherren gingen weiter und trugen die Schleppe, die es gar nicht gab.