Ein Junge öffnet zum Geburtstag eine Schachtel mit Zinnsoldaten, einer von ihnen hat nur ein Bein Eine Tänzerin aus Papier steht auf einem Bein vor einem Papierschloss, und der Soldat schaut ihr hinter einer Tabakdose zu Aus der Tabakdose springt ein schwarzer Kobold auf einer Feder, und das Spielzeug auf dem Tisch tanzt Der Zinnsoldat segelt in einem Papierboot den nassen Rinnstein hinunter, und zwei Jungen laufen nebenher Ein Junge hält den heimgekehrten Zinnsoldaten vor die kleine Tänzerin und das Schloss auf dem Tisch Im warmen Glühen des Ofens schimmern ein kleines Zinnherz und eine Paillette

Der standhafte Zinnsoldat

Fünfundzwanzig Soldaten · gelesen von Marie
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Ein Zinnsoldat mit nur einem Bein verliebt sich in eine kleine Tänzerin aus Papier und gerät auf eine unerwartete Reise durch die Welt. Andersens zartes Märchen von Treue und Mut, übersetzt aus dem dänischen Original.

Hans Christian Andersen · 11 Min. · gelesen von Marie

Der standhafte Zinnsoldat: der Text zum Lesen und Vorlesen

Hans Christian Andersen (1838). Aus dem dänischen Original „Den standhaftige Tinsoldat“ übersetzt.

Es waren einmal fünfundzwanzig Zinnsoldaten, die waren alle Brüder, denn sie waren alle aus einem alten Zinnlöffel gegossen worden. Das Gewehr hielten sie im Arm, und sie blickten geradeaus. Rot und blau und wunderschön war ihre Uniform. Das Allererste, was sie auf dieser Welt hörten, als der Deckel von der Schachtel genommen wurde, in der sie lagen, war das Wort: „Zinnsoldaten!“ Das rief ein kleiner Junge und klatschte in die Hände. Er hatte sie bekommen, weil er Geburtstag hatte, und nun stellte er sie auf dem Tisch auf.

Ein Soldat glich dem anderen aufs Haar, nur ein einziger war ein bisschen anders. Er hatte nur ein Bein, denn er war als Letzter gegossen worden, und da hatte das Zinn nicht mehr gereicht. Doch er stand auf seinem einen Bein genauso fest wie die anderen auf ihren zweien, und gerade von ihm gibt es etwas Besonderes zu erzählen.

Auf dem Tisch, auf dem sie aufgestellt wurden, stand noch viel anderes Spielzeug, aber was am meisten ins Auge fiel, war ein zauberhaftes Schloss aus Papier. Durch die kleinen Fenster konnte man geradewegs in die Säle hineinsehen. Draußen standen kleine Bäume rings um einen kleinen Spiegel, der wie ein See aussehen sollte. Schwäne aus Wachs schwammen darauf und spiegelten sich darin. Das war alles zauberhaft, aber das Zauberhafteste von allem war doch eine kleine Dame, die mitten in der offenen Schlosstür stand. Auch sie war aus Papier ausgeschnitten, aber sie trug ein Röckchen aus dem allerfeinsten, hauchdünnen Stoff und über der Schulter ein schmales blaues Band wie einen Schal. Mitten darauf saß eine glitzernde Paillette, genauso groß wie ihr ganzes Gesicht.

Die kleine Dame streckte beide Arme aus, denn sie war eine Tänzerin, und dann hob sie ihr eines Bein so hoch in die Luft, dass der Zinnsoldat es überhaupt nicht finden konnte und glaubte, sie habe genau wie er nur ein Bein. „Das wäre eine Frau für mich!“, dachte er. „Aber sie ist ziemlich vornehm, sie wohnt in einem Schloss, und ich habe nur eine Schachtel, und darin sind wir fünfundzwanzig, das ist kein Ort für sie. Trotzdem muss ich versuchen, sie kennenzulernen!“ Und dann legte er sich, so lang er war, hinter eine Schnupftabakdose, die auf dem Tisch stand. Von dort aus konnte er die kleine feine Dame richtig gut sehen, die immerzu auf einem Bein stand, ohne das Gleichgewicht zu verlieren.

Als es Abend wurde, kamen alle anderen Zinnsoldaten in ihre Schachtel, und die Leute im Haus gingen zu Bett. Nun fing das Spielzeug an zu spielen. Die Spielsachen besuchten einander, führten Krieg und gaben einen Ball. Die Zinnsoldaten rasselten in ihrer Schachtel, denn sie wollten mitmachen, aber sie bekamen den Deckel nicht auf. Der Nussknacker schlug Purzelbäume, und der Griffel tobte auf der Schiefertafel herum. Das war ein solcher Lärm, dass der Kanarienvogel aufwachte und anfing mitzureden, und zwar in Versen.

Die beiden Einzigen, die sich nicht von der Stelle rührten, waren der Zinnsoldat und die kleine Tänzerin. Sie hielt sich ganz gerade auf der Zehenspitze und streckte beide Arme aus, und er stand genauso standhaft auf seinem einen Bein. Seine Augen wichen keinen Augenblick von ihr.

Nun schlug die Uhr zwölf, und klapp, da sprang der Deckel von der Schnupftabakdose auf. Aber es war kein Tabak darin, nein, sondern ein kleiner schwarzer Kobold, das war nämlich so ein Kunststück. „Zinnsoldat!“, sagte der Kobold. „Behalte deine Augen gefälligst bei dir!“ Aber der Zinnsoldat tat so, als hörte er es nicht. „Na, warte nur bis morgen!“, sagte der Kobold.

Als es nun Morgen wurde und die Kinder aufstanden, wurde der Zinnsoldat ins Fenster gestellt. Ob es nun der Kobold war oder die Zugluft, auf einmal flog das Fenster auf, und der Soldat stürzte kopfüber aus dem dritten Stock hinunter. Das war eine schreckliche Fahrt! Er streckte das Bein gerade in die Luft und blieb auf seiner Soldatenmütze stehen, mit dem Bajonett zwischen den Pflastersteinen.

Das Dienstmädchen und der kleine Junge kamen sofort hinunter, um ihn zu suchen. Aber obwohl sie beinahe auf ihn getreten wären, konnten sie ihn doch nicht sehen. Hätte der Zinnsoldat gerufen: „Hier bin ich!“, dann hätten sie ihn bestimmt gefunden, aber er fand es nicht passend, laut zu schreien, weil er doch eine Uniform trug.

Nun fing es an zu regnen, ein Tropfen fiel dichter als der andere, bis es richtig goss. Als der Guss vorbei war, kamen zwei Straßenjungen daher. „Guck mal!“, sagte der eine. „Da liegt ein Zinnsoldat! Der soll mal segeln gehen!“

Und dann machten sie aus einer Zeitung ein Boot, setzten den Zinnsoldaten mitten hinein, und nun segelte er den Rinnstein hinunter. Die beiden Jungen liefen nebenher und klatschten in die Hände. Du meine Güte, was für Wellen gab es in diesem Rinnstein, und was für eine Strömung! Es hatte ja aber auch in Strömen geregnet. Das Papierboot schaukelte auf und ab, und zwischendurch drehte es sich so schnell, dass der Zinnsoldat nur so zitterte. Aber er blieb standhaft, verzog keine Miene, blickte geradeaus und hielt das Gewehr im Arm.

Auf einmal trieb das Boot unter ein langes Brett, das über dem Rinnstein lag, und da wurde es so dunkel, als wäre er in seiner Schachtel. „Wo komme ich jetzt bloß hin?“, dachte er. „Ja, ja, daran ist der Kobold schuld! Ach, säße doch nur die kleine Dame hier bei mir im Boot, dann dürfte es meinetwegen noch einmal so dunkel sein!“

Im selben Augenblick kam eine große Wasserratte, die unter dem Brett wohnte. „Hast du einen Pass?“, fragte die Ratte. „Her mit dem Pass!“ Aber der Zinnsoldat schwieg und hielt sein Gewehr noch fester. Das Boot sauste davon und die Ratte hinterher. Hu, wie sie mit den Zähnen knirschte und den Stöckchen und Strohhalmen zurief: „Haltet ihn! Haltet ihn! Er hat keinen Zoll bezahlt! Er hat seinen Pass nicht gezeigt!“

Aber die Strömung wurde stärker und stärker! Der Zinnsoldat konnte schon das helle Tageslicht dort vorn sehen, wo das Brett aufhörte, aber er hörte auch ein Brausen, das selbst einen tapferen Mann erschrecken konnte. Stellt euch nur vor, dort, wo das Brett endete, stürzte der Rinnstein geradewegs in einen großen Kanal hinab! Das war für ihn genauso gefährlich, wie es für uns wäre, einen großen Wasserfall hinunterzusegeln.

Nun war er schon so nahe daran, dass er nicht mehr anhalten konnte. Das Boot schoss hinaus, und der arme Zinnsoldat hielt sich so steif, wie er nur konnte, denn niemand sollte ihm nachsagen, dass er mit den Augen gezwinkert hätte. Das Boot wirbelte drei, vier Mal im Kreis herum und war bis zum Rand voll Wasser, es musste sinken. Der Zinnsoldat stand bis zum Hals im Wasser, und tiefer und tiefer sank das Boot, und mehr und mehr weichte das Papier auf. Nun schlug das Wasser über dem Kopf des Soldaten zusammen. Da dachte er an die liebliche kleine Tänzerin, die er nie mehr wiedersehen sollte, und in seinen Ohren klang es: „Fahr hin, fahr hin, du Kriegersmann! Den Tod musst du erleiden!“

Nun riss das Papier entzwei, und der Zinnsoldat stürzte hindurch, aber im selben Augenblick wurde er von einem großen Fisch verschluckt. Nein, wie dunkel es da drinnen war! Es war noch schlimmer als unter dem Brett über dem Rinnstein, und dazu war es so eng. Aber der Zinnsoldat war standhaft und lag da, so lang er war, mit dem Gewehr im Arm.

Der Fisch schoss hin und her und machte die allerschrecklichsten Bewegungen. Endlich wurde er ganz still, und es fuhr etwas wie ein Blitzstrahl durch ihn hindurch. Ein Licht schien ganz hell, und jemand rief laut: „Zinnsoldat!“ Der Fisch war nämlich gefangen worden, auf den Markt gebracht, verkauft und in die Küche gekommen, wo das Dienstmädchen ihn mit einem großen Messer aufschnitt. Mit zwei Fingern nahm es den Soldaten um die Mitte und trug ihn in die Stube, wo alle diesen bemerkenswerten Mann sehen wollten, der im Bauch eines Fisches herumgereist war. Aber der Zinnsoldat war überhaupt nicht stolz.

Sie stellten ihn auf den Tisch, und da, nein, wie seltsam es doch in der Welt zugehen kann! Der Zinnsoldat war in genau derselben Stube, in der er schon früher gewesen war. Er sah genau dieselben Kinder, und auf dem Tisch stand dasselbe Spielzeug, das herrliche Schloss mit der lieblichen kleinen Tänzerin. Sie stand noch immer auf dem einen Bein und hielt das andere hoch in die Luft, auch sie war standhaft. Das rührte den Zinnsoldaten so sehr, dass er beinahe Zinntränen geweint hätte, aber das gehörte sich nicht. Er sah sie an, und sie sah ihn an, aber sie sagten nichts.

Im selben Augenblick nahm einer der kleinen Jungen den Soldaten und warf ihn geradewegs in den Ofen, und dafür hatte er überhaupt keinen Grund. Bestimmt war der Kobold in der Dose daran schuld. Der Zinnsoldat stand ganz hell beleuchtet da und fühlte eine schreckliche Hitze, aber ob sie vom wirklichen Feuer kam oder von der Liebe, das wusste er nicht. Seine Farben waren ganz verblichen, aber ob das auf der Reise geschehen war oder vor Kummer, konnte niemand sagen.

Er sah die kleine Dame an, und sie sah ihn an, und er fühlte, wie er schmolz, aber noch immer stand er standhaft da, mit dem Gewehr im Arm. Da ging eine Tür auf, der Wind erfasste die Tänzerin, und sie flog wie eine Elfe geradewegs in den Ofen zum Zinnsoldaten, loderte in einer Flamme auf und war fort. Da schmolz der Zinnsoldat zu einem kleinen Klumpen. Und als das Dienstmädchen am nächsten Tag die Asche hinaustrug, fand es ihn als ein kleines Zinnherz. Von der Tänzerin aber war nur die Paillette übrig, und die war kohlschwarz verbrannt.