Ein Lämmchen läuft einem Schmetterling nach, entfernt sich von der Herde und trifft am Waldrand einen Wolf, der nach einem Vorwand sucht. Äsops Fabel über das Unrecht, frei nacherzählt nach dem altgriechischen Original.
Äsop · 3 Min. · gelesen von Marie
Der Wolf und das Lamm: der Text zum Lesen und Vorlesen
Äsop (sechstes Jahrhundert vor Christus). Frei nacherzählt nach dem altgriechischen Original.
Auf einer grünen Bergwiese weidete eine große Herde Schafe mit ihren Lämmern. Unter ihnen war auch ein kleines Lamm mit weicher weißer Wolle und einem rosa Näschen. Es war erst ein paar Wochen alt, und alles kam ihm neu und aufregend vor. Als der Hirte unter einem Baum eingenickt war, entdeckte das Lämmchen einen Schmetterling und hüpfte ihm nach, immer weiter, bis es weit weg von der Herde ganz allein am Waldrand stand. Dort sprudelte neben einem bemoosten Stein eine kleine Quelle, und weil das Lämmchen vom vielen Hüpfen durstig war, trank es aus dem Bächlein.
Da sah der Wolf das Lamm am Bach trinken. Er war groß, grau und hungrig, und seine Augen begannen zu funkeln. Er wollte das Lamm fressen, aber nicht einfach so: Er wollte dafür einen Grund haben, der gerecht klang. Darum stellte er sich ein Stück weiter oben an den Bach, runzelte die Stirn und knurrte: „Du da! Du machst mir das Wasser trüb, sodass ich nicht trinken kann!“
Das Lämmchen zitterte vor Angst. „Entschuldige, Herr Wolf“, blökte es leise, „aber ich nippe doch nur ganz vorsichtig mit den Lippen am Wasser. Und ich stehe weiter unten am Bach als du. Das Wasser fließt von dir zu mir, wie könnte ich es dir da oben trüb machen?“ Mit diesem Vorwurf war der Wolf also nicht weitergekommen. Da knurrte er von Neuem: „Dann hast du letztes Jahr meinen Vater beschimpft!“
„Aber letztes Jahr war ich doch noch gar nicht auf der Welt!“, rief das Lämmchen. Nun wusste der Wolf keinen Vorwurf mehr. Auf alles hatte das kleine Lamm eine ehrliche Antwort.
Da lachte der Wolf böse. „Mag sein, dass du auf alles eine Antwort weißt“, knurrte er, „aber fressen werde ich dich trotzdem!“ Und schon duckte er sich zum Sprung.
Doch in diesem Augenblick bellte drüben auf der Weide der Hund des Hirten. Der Hirte wachte auf, zählte seine Schafe und merkte, dass ein Lämmchen fehlte. „Lämmchen, wo bist du?“, rief er und lief mit dem Stock in der Hand zum Wald. Als das Lämmchen seine Stimme hörte, zögerte es keinen Augenblick. Es flitzte am Wolf vorbei und rannte, so schnell es konnte, geradewegs zum Hirten. Der Hirte nahm es auf den Arm, und der Hund bellte laut hinter dem Wolf her. Der Wolf klemmte den Schwanz zwischen die Beine und verschwand im Wald, genauso hungrig wie vorher.
Bevor das Lamm davonlaufen konnte, packte es der Wolf und fraß es auf.
An diesem Tag war das Lämmchen noch einmal davongekommen, aber es merkte sich gut, dass es sich nie wieder so weit von der Herde entfernen durfte. Die Fabel zeigt: Wer Unrecht tun will, den hält auch die gerechteste Verteidigung nicht auf.
Die Fabel zeigt: Wer Unrecht tun will, den hält auch die gerechteste Verteidigung nicht auf.





