Ein hungriger roter Fuchs trabt auf einem staubigen Weg zwischen sonnigen Weinbergen Der Fuchs springt hoch unter der Weinlaube, doch die dunklen Trauben hängen viel zu hoch für ihn Der Fuchs geht mit erhobener Nase von der Weinlaube fort, und eine Amsel auf dem Kirschbaum schüttelt den Kopf

Der Fuchs und die Trauben

Der hungrige Fuchs · gelesen von Marie
0:00−3:29

Ein hungriger Fuchs entdeckt hoch oben an einer Weinlaube die schönsten Trauben und versucht alles, um an sie heranzukommen. Äsops berühmte Fabel darüber, was wir sagen, wenn uns etwas nicht gelingt, frei nacherzählt nach dem altgriechischen Original.

Äsop · 3 Min. · gelesen von Marie

Der Fuchs und die Trauben: der Text zum Lesen und Vorlesen

Äsop (sechstes Jahrhundert vor Christus). Frei nacherzählt nach dem altgriechischen Original.

Es war am Ende des Sommers, und schon seit dem Morgen brannte die Sonne auf die grünen Hügel. Auf einem staubigen Weg zwischen den Weinbergen trottete ein Fuchs mit rotem Fell und buschigem Schwanz. Den ganzen Tag hatte er nichts zu fressen gefunden, und sein Magen knurrte laut. „Wenn ich nicht bald etwas Gutes finde, falle ich vor Hunger um“, murmelte er und leckte sich traurig das Maul.

Da sah er am Rand eines Weinbergs eine hohe Weinlaube aus Holz, ganz von Reben überwachsen. Dicke Trauben hingen von ihr herab, dunkel, beinahe schwarz, und so reif, dass sie in der Sonne glänzten. Der Fuchs blieb stehen, als hätte ihn jemand verzaubert. „Mmm, was für herrliche süße Trauben!“, rief er, und das Wasser lief ihm im Mund zusammen. „Die sind wie für mich gemacht.“

Er stellte sich unter die Laube, richtete sich auf den Hinterbeinen auf und streckte sich, so lang er nur konnte. Mit der Schnauze kam er fast an die unterste Traube heran, aber eben nur fast. „Macht nichts“, sagte er sich, „dann springe ich eben.“ Er schnellte in die Höhe und schnappte nach den Beeren, doch er erwischte nur Luft. Mit einem Plumps landete er wieder auf dem Boden, dass der Staub nur so aufwirbelte.

Aber so schnell gab der Fuchs nicht auf. Er sprang noch einmal und noch einmal, jedes Mal ein bisschen höher. Er versuchte es mit Anlauf von weit her, er versuchte es von einem Stein am Wegrand aus, und er wollte sogar an einem Holzpfahl hinaufklettern, aber er rutschte ab. Alle Tricks, die er kannte, probierte er aus, und er kannte wirklich viele. Die Trauben aber hingen ganz ruhig dort oben, als würden sie leise über ihn lachen.

Am Ende war er so müde, dass er kaum noch Luft bekam. Die Zunge hing ihm aus dem Maul, die Pfoten taten ihm weh, und sogar sein Schwanz hing schlaff herab. Auf dem Ast eines Kirschbaums ganz in der Nähe saß eine Amsel und schaute ihm die ganze Zeit neugierig zu. Der Fuchs warf ihr einen Blick von der Seite zu. Es gefiel ihm gar nicht, dass jemand gesehen hatte, wie ihm nichts gelang.

Darum schüttelte er sich den Staub aus dem Fell, wandte sich ab und tat so, als wäre nichts gewesen. Im Weggehen sagte er zu sich selbst, aber gerade so laut, dass die Amsel es hören konnte: „Ach, die sind ja noch sauer. Ganz unreif sind die! So saure Trauben will ich überhaupt nicht.“ Und er trottete davon, die Nase hoch in der Luft, als hätte er das schon von Anfang an gewusst.

Die Amsel aber schüttelte nur den Kopf. Sie wusste ganz genau, dass die Trauben süß wie Honig waren, denn sie hatte am Morgen selbst davon gekostet. Als der Fuchs hinter der Wegbiegung verschwunden war, flog sie hinauf zur Laube und pickte sich noch eine saftige Weinbeere.

Genauso machen es auch manche Menschen. Wenn sie etwas nicht erreichen können, weil sie zu schwach dafür sind, dann schieben sie die Schuld auf die Umstände.